Texte zur Kunst

Texte zur Kunst

Volker Sieben Katalogtext zu „me not me“

Das ist das Gute an den Bildern von Volker Sieben: dass sie ausprobieren, wohin man die Linien fließen und die pastosen Farbflecke treiben lassen kann, damit sie einen durch die Türen der Erinnerung führen. Aber sie ergeben sich nicht einfach beiläufig, sondern aus verdichteten Vorbedingungen. Manche Künstler arbeiten rein aus der zufälligen seelischen Tagesform und quälen ihre Überhitzung mehr oder weniger spontan in Bilder. Volker Sieben dagegen formuliert aus einer Haltung des verkörpernden Denkens, was bedeutet, dass Zeichnungen einen Prozess des Nachsinnens und der Gestaltentwicklung vorbereiten und begleiten, der erst wenn sich eine Idee verdichtet hat in einen Ansatz zur Bildwerdung mündet. Erst über einen gewissen Zeitraum und über die Tätigkeit der formenden Hand erwachsen aus dem Nachdenken über das Ich und die Welt Bildentscheidungen. Volker Sieben kommt ohne im Voraus bestimmte formale Parameter aus, dennoch lebt auch das scheinbare Zufällige und Anarchische aus einer Gerichtetheit. Denn nicht die Entgrenzung der Form ist sein Ziel, vielmehr geht es um seine Überzeugung, dass konsequentes Entscheiden in der Malerei mehr sein muss als bloss geschmackvolles Komponieren. Was wie aus dem Stand heraus voll in die Tasten gehauen aussieht, ist letztendlich ein Ergebnis des Zweifelns und eines Pendelns zwischen Umdenken und Neuansetzen.

Volker Sieben arbeitet einerseits collagenhaft, wenn er  tagespolitische Themen, Lifestyle, Mode und Werbung miteinander verschneidet und andererseits offen malerisch, ganz eingebettet in das Sinnlichkeitspotential seines Malmaterials (und damit materiell konkret).

Mit Öl, diversen Kreiden, Tusche und Bleistift auf Leinwand sowie auf Papier, das häufig auf Leinwände kaschiert wird, lässt der Künstler verheerende Ereignisse aus dem Weltpolitischen wie Familiären auferstehen. Dabei kommt den Zeichnungen die Aufgabe zu, ästhetische Intelligenz tragender und klingender Kern für den universalen Anspruch der großformatigen Malereien zu sein.

Die thematischen Ströme, unterstrichen durch Titel wie „Family Portrait“, „Refugee Tree“ oder „Sky under Berlin“ steigern das Tempo und ziehen den Betrachter in eine Schlusskakophonie, in der, gleichsam als mächtiges Echo aus einer verbauten Zukunft, irrlichternde Saxofone, geisterhafte Gitarren und ein wirres Schlagzeugspiel einen Pflock zwischen Großhirnrinde und Hypothalamus zu treiben scheinen. Was man aus diesem disharmonischen Gesamtklang heraushört, ist weniger eine Einzelstimme als vielmehr das Grundgeräusch unserer Gegenwart.

Christoph Tannert

Imprint | Copyright by Volker Sieben Berlin
Produced 2017 by Volker Sieben and Sniper-Grafix